Wortwitziger Großstadtpoet
Mit frechen Chansons nach Jacques Prévert einerseits und
erhabenen Marienliedern andererseits machte das Chor-Programm „Kontraste“ seinem
Namen alle Ehre, gesungen vom Brahms-Chor und „TonArt“
DORSTEN - Mit dem Programmtitel „Kontraste“ versprach
der Brahms-Chor am Sonntagabend in der St. Ursula Kirche eine
Menge – und hielt das allermeinste. Manchmal jedoch ging
die wilde Reise durch die verschiedensten Epochen trotz technischer
Perfektion auf Kosten der Nachhaltigkeit.
Der Gelsenkirchener Frauenchor „TonArt“ war der
Einladung der Dorstener gefolgt, und gemeinsam gestalteten die
Chöre unter der musikalischen Leitung von Alfred Schulze-Aulenkamp
einen stilistisch abwechslungsreichen Abend in den klangvollen
Gemäuern der St. Ursula Kirche.
Das fünfteilige Konzertprogramm hielt einige besondere
Perlen bereit, und wurde auch sonst vom bewährt reinen Klangbild
der Chöre auf einem hohen Niveau gehalten.
Den Auftakt gab der Brahms-Chor mit dem modernen Chorwerk „Viva
la musica“ aus der Feder des gebürtigen Ungarn Iván
Eröd. Daran anschließend präsentierten die Sänger
drei berauschende Titel des vor einem Jahr verstorbenen Münchener
Komponistenprofessors Harald Grenzmer.
Die erste der drei mitreißenden Vertonungen des französischen
Lyrikers Jacques Prévert forderte die Artikulationsfähigkeit
des Chores aufs Äußerste heraus. „Wie man einen
Vogel malt“, so der skurrile Titel des Werkes, gelang den
Sängerinnen und Sängern ausgezeichnet. Jede Finesse
des agressiven Wortwitzes des Großstadtpoeten Prévert
war gut verständlich und traf ins Mark. Nicht anders verhielt
es sich bei dem kurzen Titel „Stadturlaub“ und der
surreal anmutenden „Rechenstunde“.
Nach diesen verwegenen weltlichen Kompositionen sang der Frauenchor
geistliche Musiken aus dem 20. Jahrhundert, die fast ausschließlich
Marientexte verwendeten. Erhabene Gesänge, breite Klangbögen
und eine zarte Innigkeit im Ausdruck wurden vom Publikum mit
anhaltendem Beifall belohnt.
Der Brahms-Chor legte bei seinem zweiten Auftritt das Augenmerk
auf Kompositionen des 16. und 17. Jahrhunderts. Chorlied und
Madrigal von alten Meistern wie Claudio Monteverdi wurden mit
den modernen Chansons von Francis Poulenc kontrastiert.
Stimmsicher spannte der Chor einen dramatischen Bogen vom Barock
bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts.
Das letzte Kontrastpaar des Abends bildeten die Musiker mit
deutschen und skandinavischen Volksliedbearbeitungen. Während
die Gelsenkirchener Gäste Werken von Brahms bis Reger ihre
Stimme gaben, widmete sich der Brahms-Chor den nordischen Klängen.
Insbesondere mit fünf Titeln des Schweden Wilhelm Peterson-Berger
entzündeten die Sänger die Begeisterung des Publikums.
Die bildreichen Naturschilderungen offenbarten sich im intensiven
und raumgreifenden Gesang des Chors.
Mit einem schwedischen Volkslied von Hugo Alfvén und
einer getragenen Zugabe ging nach rund 90 Minuten ein kontrastreiches
Konzerterlebnis zuende.
Judith Abel, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 03.06.2008